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Straß'ndanz

Nachbericht

In Tivoli Gardens, Kingston, Jamaika, ist es ist nicht ganz so, wie es Sido und Bass Sultan Hengzt derzeit in einem ihrer Tunes beschreiben: es ist nicht jeden Tag Wochenende. Und in der Mitte der Woche wird auch nicht gechillt. Im Gegenteil: die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ist für die Bewohner des nicht gerade privilegierten Viertels, das im Süden der Stadt zwischen Spanish Town Road und Hafen liegt, seit 2003 Woche für Woche die Nacht, die ihnen dabei hilft, die erste Wochenhälfte zu vergessen und die zweite erträglicher erscheinen zu lassen. Der Name des Veranstaltung gewordenen Anti-Depressivums ist Passa Passa. Was einst als kleines Straßenfest begann, ist heute Synonym für den weltweit bekanntesten, regelmäßigen Reggae-Dance unter freiem Himmel. Passa Passa ist die Quelle für unzählige Trends in
der Dancehall – Musik, Mode, Tänze – und zieht inzwischen neugierige Reggae-Touristen aus Europa und Asien genauso an wie “mutige” Uptown-Kids oder die eigentliche Zielgruppe – die Leute aus den umliegenden Garrisons.
Gehostet wird Passa Passa von Swatch International – ein Soundsystem, das bereits seit 17 Jahren existiert, das sich aber erst mit Hilfe des Streetdances endgültig auf die Landkarte setzen konnte. Swatch ist ein Unternehmen der Familie Miles. Während Mama und Papa Miles seit geraumer Zeit an der Ecke Spanish Town Road und Bread Lane einen gut laufenden Laden für Lebensmittel aller Art – das Sortiment umfasst
neben Alkohol und an anderen Grundnahrungsmitteln, auch Hygieneprodukte und Lesestoff – betreiben, haben sich ihre Söhne bzw. Neffen der Musik verschrieben und verfügen neben dem Kerngeschäft Auflegen auch über eine Produktionssparte mit Studio nahe des ein wenig freundlich gelegeneren Kingstoner Stadtzentrums Halfway Tree. Aber zurück nach Tivoli. Heute ist der dritte Januar, der erste Mittwoch in 2007. Nachdem in den frühen Dezemberwochen des vergangenen Jahres der Ausbruch von Malaria in einigen Gegenden von Town dafür gesorgt hatte, dass sämtliche Massenveranstaltungen abgesagt wurden, ist die Straße vor Miles Enterprises bei den beiden Post-Malaria-Events laut Dylon Powe, Chef-Producer von Swatch, hochgegangen wie eine Tretmine.
Als ich um ungefähr Mitternacht zusammen mit Toni, Mike, Gabriel und Julian vom bayrischen Everest Soundsystem aus dem Taxi steige, zeichnet sich ein erneuter derartiger Besucheransturm noch nicht wirklich ab. Die wenigen Menschen, die sich schon vor Miles Enterprises aufhalten, sind entweder in die noch andauernden Aufbauarbeiten involviert – beladen Handcarts mit Guiness, Red Bull, Heineken und
Red Stripe, bestücken ihre Grilltonnen mit Hühnchen bzw. schrauben am Sound, der schon aus drei amtlichen Boxentürmen bumst – oder sind jetzt schon so bekifft-betrunken, dass es unwahrscheinlich erscheint, dass sie den Höhepunkt der Party, der bei Passa meist erst nach Sonnenaufgang eintritt, noch bewusst miterleben werden. Momentan machen sie aber einen zufriedenen Eindruck und wiegen sich gemütlich
zu alten Studio One Scheiben.
Everest soll heute der erste europäische Sound sein, der an der Seite von Swatch, Tivoli beschallt. Ihr Set ist von 1 Uhr bis 3 Uhr geplant. Als sich jedoch kurz vor eins herausstellt, dass die beiden Turntables, die zusätzlich zu den in Jamaika inzwischen standardmäßig verwendeten “scratch”-tauglichen CD-Playern unter dem als DJ-Kanzel fungieren-den Pavillon aufgebaut sind, nicht funktionieren, droht dieser Traum zu platzen noch bevor er begonnen hat. In einer Stimmung, die zwischen Enttäuschung, Verärgerung und Ungläubigkeit schwankt, werden potentielle Alternativen gesucht. Um andere Plattenspieler zu besorgen ist es ist es jedoch zu spät und die bei Swatch vorhandenen CDs für die benötigte DJ-Software sind nicht kompatibel mit der Fassung, die Everest verwenden.
Inzwischen ist es halb drei. Auf deutscher Seite hat man sich mehr oder weniger damit abgefunden, dass eine einmalige Chance nicht genutzt werden kann und tröstet sich mit den ersten Bechern Cola-Rum bzw. dem Passa-Hausgetränk Red Bull und Guiness. Währenddessen übernimmt Swatch den Job von Everest und leitet gemächlich von Foundation-Tunes zu aktuelleren Roots Reggae-Stücken über. Die Selection ist der, die der deutsche Sound geplant hatte, nicht unähnlich und kommt beim zäh einlaufenden, ghetto-schick-gestyltem Publikum gut an – was die Stimmung der ESS-Mitglieder nicht unbedingt besser macht. Die Hosts von Swatch wollen es sich aber anscheinend nicht nachsagen lassen, schlechte Gastgeber zu sein und bieten den Bayern an, mit Hilfe von zwei gebrannten CDs zumindest ein 20-minütiges Mini-Set kurz vor der Prime Time zu spielen. Es werden Rohlinge besorgt und im Swatch Headquarter – einem Mix aus Lagerraum, Spielothek und Merchandise-Stand – hektisch eine potentielle Playlist erarbeitet, die man anschließend auf die beiden CD-Rs brennt. Es ist schon vier und die Spanish Town Road füllt sich vor den Hausnummern 47 bis 47 1/2 mehr und mehr. Swatch spielt inzwischen Rap und man merkt, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Party explodiert.
Das Everest Soundsystem sehe ich mittlerweile nicht mehr. Sie haben sich durch den Menschenauflauf vor den DJ-Pavillon gekämpft, um ein wenig ängstlich auf ihren Einsatz zu warten. Als ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehe und auf mein Handy schaue, sagt mir dieses, dass es fünf ist, als sie endlich angekündigt werden und ihr Set mit einem Chezidek-Tune beginnen. Die Tivoli-Massive reagiert positiv – vereinzelt gehen Feuerzeuge hoch, hier und da werden Rewinds gefordert. So bleibt die Stimmung, bis Mike und Toni mit einer Dubplate von Singer J ihr Set nach etwa 20
Minuten beenden. Keine Ekstase, aber auch keine Flaschen Richtung Soundsystem.
Als ich die Jungs anschließend in dem inzwischen zur Bar umfunktionierten Geschäft der Miles treffe, steht ihnen die Erleichterung in die verschwitzten Gesichter geschrieben. Draußen kämpfen sich erste Sonnenstrahlen durch den leicht wolkenverhangenen Himmel über Kingston und spiegeln sich in den glänzenden Augen, Schmuckstücken, und Hennessy-Resten der Gäste.
Es wird sieben, bis eine Salve von Mavado-Hits den Zenit der Feier markiert und den Busverkehr auf der Spanish Town Road zwischendurch komplett lahm legt. Den Stau verursachenden Tänzern ist das genauso egal wie den unter Schritttempo passierenden Insassen.
Es ist Donnerstag. Nur noch ein Tag bis zum Wochenende.
(Gastautor: Tobias Huber) Pics HIER!