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 | Roots, Rock & Riesenboxen! |
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Interview
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reggae-bash: Wie bist Du vor Jahren darauf gekommen, ein Austauschjahr in Jamaika zu machen und in Folge dessen, Reggae/Dancehall Musik selbst zu machen? Natty Flo: Meine ältere Schwester war ein Jahr in den USA als Austauschschülerin und fand das ganz klasse! Ich wollte das auch erleben und 1993/94 habe ich ein Jahr lang das St. Georges College in Kingston/Jamaika besucht und bei einer indisch- jamaikanischen Gastfamilie gelebt. Die Schüleraustauschorganisation AFS bot mir die Chance eine neue Kultur und Sprache kennen zu lernen. Von Jamaika und der gesamten Reggae/ Dancehallkultur wusste ich anfangs nicht viel, ich war Sänger in einer Rockband. Dank meines Gastbruders Dhanaraj, er war damals 18 und hatte ein eigenes Auto, fuhr ich gleich am zweiten Wochenende zu einem Dance von African Star auf dem Universitätsgelände. Die Dancehallsession hat mich fasziniert! Diese Riesenboxen! Wir haben den ganzen Tag Irie FM gehört und nach einigen Monaten habe ich sogar einmal bei einem bei einem Nachwuchswettbewerb mit gemacht und eine Flasche Sekt gewonnen, weil ich auf dem Pepper Seed Riddim offenbar Eindruck hinterlassen hatte! reggae-bash: Warum machst Du Deine Musik in deutscher Sprache? Natty Flo: Bei dem besagten Nachwuchswettbewerb habe ich eigene Texte auf Deutsch gesungen. Die Leute in Jamaika haben nichts verstanden, der Vibe hat ihnen aber gefallen! Ich denke, dass in erster Linie der Vibe und die Aussage der Texte wichtig sind. Die Sprache ist zweitrangig. Weil ich mein Lebensgefühl am besten auf Deutsch ausdrücken kann, singe ich auch in meiner Muttersprache. Viele Fans in Deutschland begrüßen das, weil sie alles verstehen! Die Art und Weise wie ich bei einem Sound System oder mit einer Backing Band auftrete, das singen von Dubplates & Jingles- all das habe ich und andere deutschsprachige Sänger von der Reggae/ Dancehallkultur übernommen, nur die Sprache ist eine andere! reggae-bash: Was sind Deiner Erfahrung nach die größten Unterschiede zwischen der deutschen und der jamaikanischen Reggae/Danccehall Szene? Natty Flo: Der Inhalt der Texte! Deutschland ist eine andere Gesellschaft als die Jamaikanische. Der Umgang mit Sexualität und Gewalt ist verschieden. Das spiegelt sich in den Reggaetexten wieder. Es gibt in Deutschland z.B. keine Gunsalutes! Wenn ein Song besonders gefeiert wird, kommt der Schuss der Knarre höchstens vom Keyboard des Sound Systems… Besonders wichtig für Reggae & Dancehall als weltweites Phänomen erscheint mir aber die Gemeinsamkeiten, der Reggaeszenen. Gemeinsam ist die Lust auf Party & Entertainment und die Sehnsucht nach Einigkeit, Frieden und Liebe und der Kampf gegen Polizei und das Babylon System. Dabei spielt es keine Rolle, dass das was Babylon eigentlich ist, oft unterschiedlich interpretiert wird. reggae-bash: Hast Du in Jamaika jemals irgendwelche besonderen Erfahrungen gemacht, wenn Du gesagt hast, dass Du aus Deutschland bist? Natty Flo: Viele Jamaikaner waren von Anfang an von meinen langen blonden Haaren begeistert. Kleine Mädchen wollten sie oft anfassen. Meine Schülerkollegen wollten von mir alles über deutschen Fußball und meine (deutschen) Vorlieben von sexuellen Praktiken wissen. Das war oft sehr witzig! Als der Wächter unseres Schuleingangs einmal „Heil Hitler“ zu mir sagte, hat er wohl an meiner Reaktion bemerkt, dass ich das nicht so toll fand! Er hat es dann auch nicht mehr zu mir gesagt. Beklaut oder ausgeraubt wurde ich nie. Ich konnte es durch selbstsicheres Auftreten und durch explizites Verwenden von jamaikanischen Schimpfwörtern („Bumboclaat“ etc.) verhindern. Doch auch das hilft nicht immer- der Vater meiner Gastfamilie ist drei Monate nachdem ich wieder in Deutschland zurück war, bei einem Raubüberfall auf seine Tankstelle in Kingston erschossen worden.
Vielen Dank für das Interview an Natty Flo!
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